Mount Kosciuszko

 
Auf einer landschaftlich reizvollen Strecke reisen wir zum Mt. Kosciuszko – erklimmen vom alpinen Dorf Thredbo aus den niedrigsten der „Seven Summits“ – und genießen einen fantastischen Rundblick, wo wir in der Ferne schon unsere nächste Station erahnen.
 

Mount Kosciuszko Anreise

Heute heißt es früh aufstehen. Vor uns liegen 460km des schwarzen Asphaltbandes und wie schon so oft, wird es wahrscheinlich länger als viereinhalb Stunden nach deutscher Zeitrechnung dauern. Zum Glück haben wir an diesem Dienstag, den 28. März 2017, die Sonne auf unserer Seite. Unser heutiges Etappenziel heißt Colac Colac im nördlichen Victoria, von wo aus wir am nächsten Tag zum höchsten Gipfel Australiens, den Mount Kosciuszko, starten wollen.
Wir verlassen nach einer knappen Woche Werribee und folgen zunächst der westlichen Umgehung von Melbourne, der M80. Hier ist gerade frühs relativ viel los, Pendler, Roadtrains und Campervans teilen sich die den jeweils zweispurig ausgebauten Motorway.
Nach 50km kurz vor Thomastown im Norden von Melbourne zweigt der „Hume Highway“ M31 nach Norden ab. Er verbindet Melbourne und Sydney und ist damit einer der bedeutendsten und frequentiertesten Verkehrswege Australiens. Wobei frequentiert so zu verstehen ist, dass man eben nicht alleine fährt und tagsüber wenigstens immer ein Fahrzeug in Sichtweite hat. Tatsächlich passiert die nächsten 300km nicht so wirklich viel. Die Sonne steigt, aber es ist eher spätsommerlich/frühherbstlich mild. Wir kommen zügig voran und südlich von Albury zweigen wir nach Osten auf die B400 ab. Da wir den Murray River nicht überqueren, bleiben wir in Victoria, während Albury (rd. 50.000 Einwohner) nördlich von uns schon in New South Wales liegt.

 
 

Die Straße verläuft entlang des aufgestauten Murray River, der hier den „Lake Hume“ bildet. Dessen 51m hohe Staumauer wurde zwischen 1919 und 1936, ca. 30km östlich von Albury errichtet. Der Damm dient der Wasserversorgung über die Sommermonate und zur Stromerzeugung (2x 29MW Generatoren). Die maximale Wassertiefe beträgt ca. 40m, von der Staumauer aus erstreckt sich die Wasserfläche knapp 40km nordöstlich flussaufwärts, in südöstlicher Richtung bis Tallangatta ca. 30km. Die Wasserfläche beträgt bei maximaler Füllung rund 50.000 acres (~200km²). Das entspricht fast der doppelten Fläche der Müritz, also gar nicht mal so wenig. Da der Wasserstand im See recht starken Schwankungen unterliegt, wachsen eben auch mal Büsche und Bäume, die später wieder Jahre im Wasser stehen.
Das gibt ein bizarres, aber cooles Bild, wenn die abgestorbenen Stämme aus dem Wasser ragen. Und auch sonst ist es eine nahezu perfekte Szenerie.
Am Ende des Sees geht es erstmals nennenswert in die Berge. Der zum Teil sehr steile Straßenverlauf verlangt der tapferen Mazda-Maschine alles ab und ist der Schwung dahin, wandelt die Automatik auch mal im untersten Gang umher. So werden die letzten 50km wieder recht zerrig, aber wir sind insgesamt schneller gewesen als gedacht, so what.

Am Nachmittag erreichen wir den ca. 5km vor dem Ort liegenden „Colac Colac Caravan Park“, in dem wir ein malerisches Plätzchen direkt am kleinen Fluss zugewiesen bekommen. Da noch genug Zeit ist und sich das Wetter von seiner besten Seite zeigt, beschließen wir den Ort zu erkunden. Viel gibt’s nicht, aber der oberhalb gelegene Aussichtspunkt „Corryong Mountain View“ lockt und bietet eine willkommene Abwechslung zum ganztägigen Sitzen. Wirklich malerisch ist die Landschaft hier, die Gebirgsketten umschließen ein weites Tal mit lieblichen, grünen Hügeln. Zum Abendbrot und zur vorbereitenden Stärkung für den nächsten Tag essen wir eine Pizza in einer Wirtschaft, die gleichzeitig das Kino ist. Danach gehen wir zeitig zu Bett, auch morgen müssen wir früh raus.

Mt Kosciuszko Backpacking

Als am nächsten Morgen der Wecker klingelt, liegt ein dicker Nebelschleier über der noch dunklen Landschaft. Es ist ziemlich kühl, typisch für diese Jahreszeit sind auch hier die relativ großen Temperaturdifferenzen zwischen Tag und Nacht. Bis zum „Alpine Village“ Thredbo im „Kosciuszko National Park“ sind es exakt 110km, GoogleMaps gibt mit rund 2h Fahrzeit einen Vorgeschmack auf die Straßenführung. Kurz hinter dem Ort wird die B400 zum „Alpine Way“, der uns zunächst nach Khancoban führt. Der erste Halt nach einer halben Stunde Fahrt ist der Vorschrift geschuldet, dass man die folgenden Kilometer über Thredbo bis Jindabyne nur mit einer Vignette befahren darf.
Sie kostet 15.- AUD pro Tag und Fahrzeug und erlaubt exakt für diesen Tag die Ein- und Ausfahrt im Mt Kosciuszko National Park. Wir sind am vergangenen Abend auf diesen Umstand von der Inhaberin des Campingplatzes dankenswerter Weise hingewiesen worden, sonst hätte uns vermutlich eine empfindliche Strafe geblüht. Die nächsten gut anderthalb Stunden werden zur Geduldsprobe, denn die Route führt durch bergiges Terrain bis auf rund 1.600m ü.NN. Dabei geht es überwiegend durch dichten Wald, ehe die Vegetation kurz vor Thredbo tatsächlich spärlicher wird und alpine Züge annimmt. Leider sind wir immer noch überwiegend im Nebel unterwegs, so dass wir die Umgebung nur erahnen können.


Als wir einen Pass überqueren, liegt Thredbo malerisch im Tal vor uns. Das Wetter hier oben über den Wolken ist perfekt und sich Australien präsentiert einmal mehr von seiner sonnigen Seite. Das Dorf hat nur ca. 500 Einwohner, aber rund 4.500 Gästebetten, 13 Liftanlagen und zählt in der Wintersaison rund 700.000 Besucher jährlich. Von Mai bis September liegen die durchschnittlichen Tiefsttemperaturen unter 0°C, wenngleich die Wintersportbedingungen vermutlich nicht an das in den Alpen gebotene Niveau heranreichen. Zudem ist für diese Besucherzahlen die Infrastruktur, naja, sagen wir mal ausbaufähig. Das fängt schon damit an, dass wir nur ‚der Nase nach‘ einen Parkplatz finden und die Wanderwege praktisch nicht beschildert sind.
Gegen halb elf starten wir unsere Wanderung auf 1.365m Meereshöhe (Basis Liftstation) und folgen zunächst einem Weg. Da sich die grobe Richtung jedoch nicht bestätigt, steigen wir weiter über die Wiesen der Abfahrtshänge und schließlich über Wirtschaftswege und Downhill-Trails unterhalb des Lifts auf. Nach rund anderthalb Stunden und 560 Höhenmetern erreichen wir die Bergstation des „Kosciuszko Express“ auf 1.925m NHN, sogar ohne GPS, wie auf der Seite der Nationalparkverwaltung empfohlen. Natürlich hätten wir auch den Lift nehmen können, gerade weil es ja doch schon recht spät geworden ist, aber 35.- Dollar pro Person sind eben echt heftig. Andererseits sind dadurch die meisten der Besucher schon längst auf dem Weg zum Berg und wir müssen nicht im Pulk der Massen mitschwimmen. Der Weg ist mit Stahlgittern befestigt, da auf dem weichen Boden, ähnlich der Tundra oder den Fjells in Skandinavien, ein Vorankommen sonst nur schwerer möglich wäre. Außerdem wird so die Vegetation geschützt. Auch gibt es Steinstufen und Pflasterpassagen. Die einfache Strecke beträgt ca. 6,5km, wofür angeblich zwei bis zweieinhalb Stunden zu planen sind. Angesichts der nur noch ausstehenden 300 Höhenmetern fühlen wir uns motiviert, den Zeitansatz zu halbieren.
Die karge Landschaft, ohne Bäume, mit Flechten, Moosen und dürren Gräsern beamt uns gefühlt in den hohen Norden Europas. Trotz der zahlreichen Besucher kommt keine Enge auf, nur am Toilettenbau unterhalb des Gipfels drängt es sich. Nach einer guten Stunde bei stetig wehendem Wind von vorn erreichen wir den Summit des Mt Koscuiszko auf 2.228m über dem Meer. Es ist eher ein Hügel, gerade in Anbetracht der bemerkenswerten Umgebung. Die „Great Dividing Range“ zeigt sich in ihrer ganzen Pracht. Es einmal mehr ein besonderes Gefühl, ein Gefühl, das Bergsteiger in aller Welt vereint. Wir stärken uns und treten schwungvoll den Rückweg an.
Der nun von hinten wehende Wind treibt uns zurück zum Lift und weniger als eine Stunde später, sitzen wir bei Kaffee und Kuchen mit einem phantastischen Panorama-Blick auf Thredbo und die „Snowy Mountains“. Witziger Weise schließt das Restaurant schon 15:00 Uhr, bzw. lässt ab da keine Gäste mehr rein. Perfektes Timing also mal wieder und Ausdruck des ausgeprägten australischen Geschäftssinns. Der Weg hinab ins Tal, wiederum über Wirtschaftswege, ist nochmal ein schönes Oberschenkel-Training. Als wir gegen um vier wieder in unseren Campervan einsteigen sind wir glücklich, dieses tolle Erlebnis wahrgenommen zu haben.

Abschied vom Mount Kosciuszko

Die B400 führt jetzt bis Jindabyne stetig bergab und ist deutlich großzügiger angelegt als von der Gegenseite. Ursprünglich hätten wir am liebsten auf einem ‚wilden‘ Campground in der Nähe übernachtet, aber da dieser noch innerhalb der Nationalparkgrenzen liegt, lassen wir das lieber sein. Und so entschließen wir uns auch ob der fortgeschrittenen Stunden, noch die etwas mehr als 200km bis Canberra in Angriff zu nehmen. Der Touristenort am „Lake Jindabyne“ ist ebenfalls sehr malerisch und bietet gute Voraussetzungen, den Nationalpark zu erkunden. Auf der Straße um den südlichen Teil des Sees herum ergeben sich immer wieder tolle Ausblicke.
Bei Berridale wird die Straße zur B72, ehe wir in Cooma auf die B23 direction straight north fahren. Die letzten 120km vergehen zügig und der Tag neigt sich dem Ende zu. In der Dunkelheit erreichen wir die Hauptstadt von Australien, wo wir uns Backpacker-like auf einer ‚unpowered site‘ im „Southside Village Tourist Park“ einquartieren – unsere Base für die nächsten Tage. Mit diesem spannenden und erlebnisreichen Tag im Kopf freuen wir uns auf Canberra, wo das offizielle Herz der australischen Nation schlägt.