Fruit Picking Stanthorpe

 
Nach unserer kleinen Reise geht es mit dem Fruit Picking von Pflaumen weiter. Wir arbeiten zwei Wochen durch, Beschneiden noch Bäume, setzen das Picken fort und haben schließlich die Weihnachtstage frei.
Ein zweitägiger Endspurt mit Einpacken und Stripping beschließt unsere Saison 2016.
 

Fruit Picking von Pflaumen

Auf der Pikes-Creek-Plantage gibt es mehrere „Standorte“, wenn man so will. Ein Teil der Plantage mit relativ jungen Bäumen (Pflaumen, Pfirsiche, Nektarinen, Aprikosen) liegt etwa 5km entfernt und auf einem Hügel, ziemlich exponiert und sehr sonnig. Ein anderer Teil, mit um die 30 Jahre alten Bäumen (nur Pflaumen) liegt nur einen knappen Kilometer von der Verpackungshalle entfernt. Zudem haben wir beim Joggen noch einen dritten Teil entdeckt, der allerdings ziemlich versteckt, ab vom Schuss liegt – keine Ahnung, ob dieser dann auch noch mit dazu gehört oder nicht.
Wir beginnen unsere Saison beim Fruit Picking von Pflaumen jedenfalls mit den alten Bäumen, denn die sind früher reif. Es handelt sich also auch um eine vergleichsweise alte Sorte, die heutzutage nur noch begrenzt nachgefragt wird und daher einen niedrigeren Marktpreis erzielt, als neu gezüchtete Sorten. Allerdings müssen wir zugeben, dass diese Sorte im Vergleich zu denen, die wir noch pflücken werden, am ehesten wie Pflaumen daheim schmeckt und aussieht. Das Alter der Bäume bringt es mit sich, dass diese sehr stark verwachsen sind, ineinander und sehr in die Breite. Zudem sind die Wege zwischen den Bäumen eher schmal. Mit den Cherry Pickern (zu Erinnerung: die fahrenden hydraulischen Hebebühnen) ist es daher eine echte Herausforderung, überhaupt an die Früchte zu kommen. Man muss sowohl vorne als auch hinten höllisch aufpassen, nicht einen Ast abzureißen, an einem anderen Baum beim Einschwenken hängenzubleiben oder sich gegenseitig im Weg herumzufahren. Da die Bäume wie gesagt stark in die Breite gehen, fährt man meist heran, dann hoch und dann wieder nach vorne, um innen alles herauszuholen – immer die auslandenden Äste unter sich.
Im Prinzip ist man mehr mit Fahren als mit Picken beschäftigt. Preisfrage: warum haben die die Bäume denn dann erst so wachsen lassen? Als es die Maschinen noch nicht gab, wurde manuell mit Leitern geerntet und da war dieses „Design“, das viel Bewegungsfreiheit und Anstellmöglichkeiten bietet natürlich bestens geeignet. Das Fruit Picking dieser Sorte wird in den nächsten zwei bis drei Jahren wohl auch eingestellt, da es sich nicht mehr rentiert und dann die jetzt noch jungen Bäume, ein gutes Alter haben.
Wir arbeiten wieder zu zweit an jeder Reihe, was der eine nicht sieht, sieht der andere von seiner Seite aus. Zusammen mit zwei Australiern (der Neffe des einen Chefs und dessen Kumpel) bilden wir ein gutes Vierer-Team. Die beiden arbeiten auch nicht übertrieben schnell, als müssten sie uns was beweisen. Es ist eine gute Harmonie und wir schießen uns hervorragend aufeinander ein. Es ist auch ein sehr verlässliches, von gegenseitigem Vertrauen geprägtes Arbeiten, in dem keiner dem anderen „eins auswischen“ will. Unterstützt werden wir bei unserer Arbeit in luftiger Höhe von den Pickern am Boden, die alles das pflücken, was mit den Armen greifbar ist. Zum Teil nehmen sie auch noch große Trittleitern zu Hilfe. Außer Frage steht: je mehr unten schon abgeerntet ist, desto besser kommen wir oben voran. Die Unterschiede sind jedoch ziemlich groß und so bleiben zwischen 0,5m und 2m bis zur Spitze, wo noch Früchte hängen. Insgesamt geht es wieder zweimal über die Plantage, erst nach Farbe, dann alles runter, sodass wir etwa zwei Wochen gut durcharbeiten können.

 
 

Farmarbeit in Australien – ein großer Spaß?

Es steht aber nun die Frage im Raum: what’s next? Da die Früchte an den jungen Bäumen nicht mal ansatzweise reif sind – also blau-schwarz gefärbt – haben wir schon so unsere Bedenken, wann es wohl weiter geht. Zunächst sind wir erstmal froh, zwei Tage frei zu machen und unternehmen auch einen kleinen Ausflug (mehr dazu im nächsten Beitrag). Als sich am dritten Tag jedoch immer noch nichts tut, sehen wir uns gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Wir sind wiedergekommen, um zu arbeiten und nicht, um in der Pampa herumzulungern. Mit Graham, unserer Meinung nach der Realistischere der beiden Chefs, suchen wir das Gespräch. Und tatsächlich: am nächsten Morgen werden wir von einem freudestrahlenden Graham davon in Kenntnis gesetzt, dass wir beim Beschneiden der Bäume mitmachen dürfen. Also, es geht doch (en Detail nächster Abschnitt).
Nach unserem botanischen Exkurs arbeiten wir schließlich auf der anderen, neueren Plantage weiter, wo wir wieder auf den Cherry Pickern unterwegs sind. Hier ist es allerdings um Welten einfacher, da die Wege deutlich breiter und die Bäume viel schmaler und gerader gewachsen sind. Die Früchte sind allerdings auch viel kleiner, da nach drei Jahren noch nicht so viel Kraft in den Ästen steckt, als dass sie die unzähligen Pflaumen mit genügend Wasser versorgen könnten. Eine gute Sache ist, dass wir u.a. genau an den Reihen wieder Pflücken, an denen wir Wochen zuvor ausgedünnt haben – jetzt zeigt sich, ob es damals richtig war. Es liegt auf der Hand, dass die Bäume, an denen weniger Pflaumen mehr Platz zum Wachsen haben, die größeren Früchte hervorbringen. Am Heiligabend 2016 haben wir schließlich unseren vorerst letzten Tag beim Fruit Picking in Australien.
Am 27.12. helfen wir noch einen Tag beim Einpacken mit, wo die gegenseitigen Vorbehalte zwischen den Esten (eine Truppe, die schon letztes Jahr hier war) auf der einen und uns auf der anderen Seite zu Tage treten: mit überbordendem, gespielten Eifer versuchen unsere Kollegen, sich mal wieder in den Vordergrund zu drängen und uns doof dastehen zu lassen.
Der andere Chef – wahrscheinlich mit Stories über unsere Arbeitsweise belegt – beäugt vor allem mein Treiben auch dauerhaft argwöhnisch und teilt mir salopp mit, wenn ich nicht mit beiden Händen arbeiten würde, bekäme ich auch nur die Hälfte bezahlt. Außer das ganze Spiel mit Humor zu nehmen, kann man so einen Tag nicht überstehen.
Am nächsten Tag bekommen wir von Graham noch die Sonderaufgabe zugeteilt, die als „Pollonator“ bezeichneten Bestäubungsbäume von ihren Früchten zu befreien, was wir gerne annehmen. Bei den Pflaumen gibt es nämlich auch Männchen und Weibchen, sodass im Frühjahr manuell bestäubt werden muss, damit im Sommer die Früchte vorhanden sind. Dazu fahren wir mit den Cherry Pickern heran, fassen die Hauptäste und Schütteln kräftig. Was nicht runter kommt, holen wir noch mit der Hand heraus. Als wir nach getaner Arbeit wieder zurück in der Hütte sind, kommt unser Chef nochmal vorbei und fragt uns, ob uns sein Bruder mitgeteilt hat, dass eine Abschlussparty stattfindet. Wir verneinen und mit vielsagendem Blick und dem Hinweis, dass er auch kurz da sein werde und wir uns ja dann sicher sähen, lädt er uns noch ein. Mit diesem Move tritt das ganze Ausmaß der geschürten Intrigen gegen uns zutage. Selbstverständlich gehen wir also auf die Party und sein Bruder, sichtlich überrascht von unserer Anwesenheit, ringt in überbordender Freundlichkeit um Fassung. Den Abend unterhalten wir uns intensiv mit Graham, mit den Esten wechseln wir außer einem kurzen Blick kein Wort. Die Fronten sind also geklärt. Gemeinsam verlassen wir denn auch wieder die Veranstaltung, um uns am folgenden Tag auf den Weg nach Norden zu machen. In ca. drei Wochen geht es mit dem Einpacken von Pflaumen weiter und wir sind dabei, zum Stapeln der Kisten. Ein unsicheres Gefühl bleibt trotzdem, ob es die richtige Entscheidung war. Wir versuchen es zumindest und die Zeit wird’s zeigen.


Beschneiden von Bäumen

Das Beschneiden der Bäume wird normalerweise im Winter durchgeführt. Es gibt aber auch ein sogenanntes „Summer Pruning“, bei dem die „Water Shoots“ (im Deutschen wohl als Wasserreißer bezeichnet – Dank an Martin) von den Bäumen entfernt werden. Diese grünen Triebe wachsen aufgrund des Düngers und das Wassers extrem schnell und nehmen somit alles das auf, was eigentlich in die Früchte gehen soll. Sie vor dem Abernten abzuschneiden geht aber auch wieder nicht, da dann die Bäume und auch die Früchte zu sehr beschädigt würden. Je nach Sorte, also Pfirsiche, Nektarinen oder Pflaumen und Alter der Bäume, schneiden wir unterschiedlich viel Grünzeug heraus. Dazu verwenden wir Gartenscheren, die zwar ziemlich scharf sind, aber nach ein paar Stunden uns schließlich ein paar Tagen merkt man schon, dass man was gemacht hat.


Aber alles okay und ein bisschen Unterarmtraining obendrein. Mit der richtigen Methode (Wegknicken der Äste vom Schnitt) gelingt es, auch Stärken von bis zu ca. 25mm sicher zu durchtrennen; bei dünneren Ästen geht es dann umso leichter. Auch hier arbeiten wir wieder gemeinsam mit den beiden Australiern, mit denen wir wie schon zuvor beim Picken wirklich gut zurechtkommen. Alles in allem hat diese Arbeit für uns eine gute Brücke geschlagen, um dann mit dem Fruit Picking weiter zu machen. Zudem war es angenehm, quasi ohne Aufsicht arbeiten zu können. Dass dieses Vertrauen nicht selbstverständlich ist, ist uns bewusst. Und gerade bei der besonderen Beziehung, die zwischen Arbeitgebern und Backpackern in Australien herrscht, ist wahrscheinlich eher das Misstrauen an der Tagesordnung. Zumindest den Erzählungen anderer nach zu urteilen.