Fruit Picking Australia

 
Von der Küste fahren wir nach Stanthorpe auf ca. 800m ü.NN. – Pflücken gut zwei Wochen Pfirsiche und Nektarinen auf der „Pikes Creek Orchard“ – und erfreuen uns nach Feierabend an der rustikalen Unterbringung
sowie den Parks der Stadt.
 

Stanthorpe Work and Travel

Am Reformationstag verlassen wir Surfers Paradise nach Südwesten und streben unserem nächsten Ziel entgegen: Stanthorpe, ein fünfeinhalbtausend Seelen Städtchen auf gut 800m über dem Meer. Zunächst geht es noch gewohnt flach durchs Land, bis wir die „Great Dividing Range“ (ein langer Gebirgszug, mehr dazu im übernächsten Artikel) überqueren bzw. auf das dahinter gelegene Hochplateau aufsteigen. Unser Campervan hat seine liebe Mühe, aber das munter laufende Motörchen lässt trotz der miesen Kraftstoffqualität hier keine Zweifel an der japanischen Ingenieurskunst aufkommen. Bei Warwick erreichen wir den „New England Highway“, der sich durchs malerische Hinterland windet und dem wir in wenigen Woche auch wieder folgen werden. Nach über drei Stunden und gerade einmal 240km haben wir unsere erste Arbeitsstation erreicht. Wir verlieren keine Zeit, Fruit Picking in Australien ist ein Job bei dem gilt: first come, first served.
Das wenige Tage zuvor geführte Gespräch mit Linda von BEST Harvest Labour war zwar motivierend, aber Australier sind, wie sie eben sind. Wir stellen uns vor, füllen hastig ein Arbeitsantragsformular aus und bekommen mitgeteilt, dass sich an der ursprünglichen Arbeitssituation doch einiges geändert hat (das Wetter ist mal wieder Schuld) und wir uns doch bitte gedulden mögen, sie melde sich. Ein bisschen verdutzt sind wir beide, aber so nutzen wir die Zeit, um den Ort zu erkunden. Woolworth, ALDI, IGA supa – nur leider kein Coles, was heißt, dass vernünftige und bezahlbare Brötchen erstmal aus sind. Ansonsten: Post, Schwimmbad, Bibliothek, ein großer Park, viele Friseure und Kneipen. Könnte also schlimmer sein. Zudem ist die Luft sehr frisch und angenehm.

Ein kurzer geschichtlicher Exkurs: Ab etwa 1870 wurde in der Gegend Zinn abgebaut, daher auch der Name des Ortes, zu Deutsch Zinnstadt (stannum, lat.: Zinn; thorp, mittelengl.: Dorf, Siedlung). Gelegen auf der McPherson Range und vom sogenannten Granitgürtel umgeben, war die Stadt wegen ihrer Ruhe und des als heilsam angesehenen Klimas nach dem 1. Weltkrieg Heimstatt von zurückgekehrten Soldaten. In diesem Zuzug und der damit verbundenen Vergrößerung des Ortes durch viele neue Menschen, resultiert ein noch heute offenes Flair Neuankömmlingen gegenüber. So ließ sich hier auch ein aus Italien stammender Pfarrer nieder, der im Zuge fallender Zinnpreise die Idee hatte, Wein und Obst (Äpfel, Steinfrüchte) anzubauen. Ein Glücksgriff, denn daraus entwickelte sich ein blühendes Gewerbe und heute sind etwa 50 Weingüter im Umkreis ansässig. Im Sommer wird es hier mit bis zu 35°C relativ warm, aber nachts und im Winter auch ziemlich kalt. Stanthorpe hält den Rekord für die niedrigste je gemessene Temperatur in Queensland: -10°C im Winter 1961.

Davon ist heute zum Glück nicht viel zu spüren, die Sonne meint es gut und entlang des zum Teil aufgestauten Quart Pot Creek schlendern wir durch den Lions Park, den Gleeson Park und den Fred Rogers Memorial Park. Die Dame der Arbeitsvermittlung lässt nach wie vor auf sich warten, von einer händeringenden Suche nach Arbeitskräften kann also eigentlich keine Rede sein. Gegen halb fünf erreiche ich sie nochmals und sie rät uns zur Buchung eines Campingplatzes in der Nähe – spätestens morgen hätte sie etwas für uns zu tun. Gesagt getan, wir kaufen schnell noch eine Kleinigkeit zum Abendessen ein und fahren zum nur etwa 8km südlich des Ortes gelegenen Campground. Während des Abendessens sinnieren wir noch ein wenig über die Strategie, die bei den Fruit Picking Jobs gefahren wird ehe sich der Tag in einem schönen Sonnenuntergang dem Ende zuneigt. Es ist etwa dreiviertel sieben und plötzlich klingelt das Handy: Linda ist dran und erklärt begeistert, sie habe eine Arbeit für uns.
Fruit Picking von Steinfrüchten, etwa 40km außerhalb von Stanthorpe, wir hätten die ganze Woche zu tun, kämen wahrscheinlich dann nicht nochmal in die Stadt, morgen früh um sechs sollen wir vorstellig werden. Ich bin ein bisschen überrumpelt und frage, ob um neun nicht vielleicht auch ausreichend wäre. Etwas verdutzt fragt sie mich, worin denn das Problem bestünde. Ich antworte, dass wir jetzt etwa 50km vom Ziel entfernt sind und noch gar nicht so viel Essen gekauft haben. Dazu sie: Der Markt hat bis 20 Uhr geöffnet und wenn wir nicht wöllten, würde sie jemand anderes fragen. Im Übrigen könne sie diesen Arbeitgeber wärmstens empfehlen. Was bleibt uns übrig, wir sagen zu. Also fahren wir etwas maulend zurück in die Stadt und decken uns in aller Eile großzügig ein, ohne genau zu wissen, was wir eigentlich brauchen werden. Ist das beim Work and Travel in Australien immer so?

Fruit Picking in Australien

Am nächsten Morgen stehen wir um vier auf, da wir eines gelernt haben: Entfernungen darf man hier in Australien nicht unterschätzen. Also fahren wir kurz nach fünf los Richtung Texas. Die Beschreibung des Ziels war denkbar knapp. Etwa bei Kilometer vierzig nach Verlassen des Ortes befindet sich linksseitig ein schwarzes Schild mit weißen Buchstaben. Dort einfach der Einfahrt folgen. Die Morgendämmerung hat gerade eingesetzt und auf der für australische Verhältnisse zugegebener Maßen guten Straße kommen wir zügig voran. Aber nicht viel schneller als 70km/h, die Warnschilder und die toten Kängurus mahnen zur Vorsicht. Ohne größere Schwierigkeiten finden wir das Objekt, wo uns Andrew „Andy“ Finlay willkommen heißt. Ein netter Mensch und Bruder von Graham Finlay, der die nächsten Wochen unser Supervisor sein wird. Dessen Frau Liz holt uns nach knapp 20 Minuten Warten denn auch ab und wir folgen ihr auf die Plantage. Dort befindet sich schon eine bunte Mischung von Fahrzeugen und Nationalitäten, wir gesellen uns mit einem italienischen Pärchen hinzu. Vorwiegend Franzosen sind hier am Werk, aber auch Esten, Taiwanesen und zwei weitere Deutsche.

Die Aufgabenstellung beim Fruit Picking ist relativ einfach. Es gibt im Wesentlichen drei verschiedene Arten des Pflückens bzw. Aussortierens: nach Farbe, nach Durchmesser und ohne Beachtung der beiden vorgenannten Kriterien, das sogenannte „Stripping“, was allgemein am beliebtesten ist. Um die Spannung ein wenig hoch zu halten und die Konzentrationsfähigkeit nicht überzustrapazieren werden diese drei Varianten in aller Regel über den Tag verteilt gemischt. Wir Pflücken zunächst Pfirsiche und Nektarinen, bei denen es in erster Linie auf den Durchmesser und nicht auf die Farbe ankommt. Da Messschieber leider aus sind, wird vor Beginn der jeweiligen Größensortierung eine Beispielfrucht (Grenzmuster) herumgereicht, die mit Daumen und Mittelfinger umschlossen wird. Die sich unter Umständen ergebende Lücke zwischen beiden muss sich gemerkt werden, dann kann der Spaß beginnen. Mit einer Tragetasche um die Hals und eine Hand voll Eimern darin werden die etwa zweieinhalb Meter hohen, meist vier Triebe zählenden, Kulturbäume von unten nach oben abgeerntet. So zumindest die Theorie. In der Praxis legt sich jeder irgendwie sein eigenes System zurecht, wobei uns nach ein paar Tagen aufgefallen ist,
dass sowohl das tiefe Eindringen in den Baum als auch das abschließende Mustern aus etwa anderthalb Meter Abstand insgesamt die nachhaltigsten Ergebnisse verspricht. Beide Sorten Früchte sind je nach Lichtverhältnissen und Blattbewuchs des Baumes mitunter schwer auszumachen und eine Kombination von Sehen und Tasten ist unerlässlich. Die vollen Eimer werden zwischen den Bäumen abgestellt und von Helfern auf von Quads gezogene Anhänger in ca. 100x100x40cm messende Stiegen gekippt. Die Pausen werden nach jeweils drei Stunden gemacht: 20min Frühstück („Smoko“, bezahlt) und 30min Mittag. Dann u.U. nochmal eine kurze Pause, sollte es am Nachmittag länger gehen. So vergeht der Tag, wie auch die folgenden, doch wie im Flug und wir sind ganz froh, den Job angenommen zu haben. Zudem bekommen wir eine stundenweise Bezahlung von 21,78 Dollar, dem Bruttomindestlohn in Australien. Dabei ist die in Deutschland oft bei Bewerbern gewünschte „ausgeprägte Hands-on Mentalität“ hier Tagesprogramm – es kommt wie es eben kommt, der Plan ist relativ.

Zum Ende unserer zweiten Arbeitswoche werden wir außerdem noch mit einer neuen Aufgabe betraut, die dem Fruit Picking vorangeht. Das „Thinning“ genannte Ausdünnen der Trauben an den Zweigen hängenden Mini-Früchte ist notwendig, um der einzigen großen Frucht, Platz zum Wachsen zu schaffen. Der Abstand soll ungefähr 15cm betragen, dann darf wieder eine Frucht am Zweig hängen. Es ist recht mühselig, die ganzen kleinen Pfläumchen zu zwirbeln und zu zupfen, aber wir dürfen in luftiger Höhe arbeiten. Mit dem sogenannten „Cherry Picker“ geht es durch die Reihen und in die Bäume. Mit einem mit konstanter Drehzahl laufenden Verbrennungsmotor (Honda Einzylinder Viertakt – kenne ich irgendwo her) wird direkt über eine Welle eine Hydraulikpumpe angetrieben, die den Druck in einem Speicher aufrechterhält. Alle weiteren Funktionen der Maschine werden dann über das Hydrauliksystem abgedeckt, also rauf und runter und auch der separate Antrieb der beiden Haupträder. Das dritte Rad stützt nur ab und ist frei gelagert. Ein tolles Ding und es macht Spaß, mal wieder eine andere Arbeit zu machen. Zudem kommen wir dadurch auf mehr Stunden, da sich das Fruit Picking von Steinfrüchten schon wieder dem Ende zuneigt.

Zum Thema Kleidung beim Fruit Picking in Australien haben wir auch unsere persönlichen Erfahrungen gemacht. Am ersten Tag waren wir verständlicher Weise noch relativ blauäugig unterwegs, aber unerlässlich sind Strohhut, Sonnenbrille und eigentlich auch ein Fliegennetz. Ob man lieber lang- oder kurzärmelig arbeitet, oder freie Beine bevorzugt, muss jeder selbst ausprobieren. Festes Schuhwerk gehört allemal dazu, Turnschuhe reichen aber. Ein Tipp: billige Arbeitskleidung kann man gut als Second-Hand-Ware kaufen. Und für uns gehört hier ein Labello-Stift ebenfalls dazu. Es ist einfach nur krass, wie heftig die Lippen in der Luft und zum Teil sicherlich auch durch die UV-Strahlung aufspringen. Die Häufigkeit und Menge an Sonnencreme probiert man ebenfalls besser selbst aus. Die Australier machen deswegen immer ein immenses Aufheben. Am besten jede Stunde und zentimeterdick. Wir haben uns langsam an die Sonne gewöhnt und kommen jetzt fast immer ohne aus.
Neben der mehr oder minder aufkommenden Eintönigkeit nach ein paar Stunden in wirklicher Wärme zu Pflücken, gibt es als Highlight immer mal wieder in den Bäumen hängende Flughunde zu bestaunen. Die possierlichen Tierchen sind nämlich ganz scharf auf die süße Kost und naschen in der Dämmerung immer fleißig in den oberen Bereichen der Bäume. Um dieser Plage – sie sind wohl geschützt, aber es gäbe einfach zu viele – beizukommen, gehen ein paar der zum weiteren Familienkreis Gehörigen jeden Abend auf die „Jagd“. Sie nutzen die Cherry Picker um sich in adäquater Höhe zu positionieren und dann wird mit ordentlich Schrot losgeballert. Insgesamt sicherlich ein kontroverses Thema, bei dem sowohl die angerichteten Schäden und somit Einnahmeausfälle einerseits mit dem Aspekt des Naturschutzes andererseits kollidieren.

Unterkunft beim Fruit Picking

Nach getaner Arbeit brechen wir auf und fahren der Gravel Road zurück zur Hauptstraße und zu unserer Bleibe für die nächsten Wochen. Hier gibt es zwei Häuser, in denen Backpacker wohnen, wir sind dem ein bisschen ab vom Schuss zugewiesen. Wir haben vorab angegeben, nur Dusche, Toilette, Waschmaschine und eventuell eine Küche zu benötigen, da wir je unseren Campervan zum Schlafen haben. Gut so, denn das Haus ist als solches eigentlich nicht zu bezeichnen. Ein Holzbalkengerippe beplankt mit dünnen Holzlatten und einem Wellasbestdach. Christian kommentiert, dass man so in Deutschland maximal Schuppen bauen würde. Die Küche ist mit einem Holz- und Gasherd ausgestattet, die Dusche und die Toiletten sind getrennt separat rechts und links vom Objekt. Das Wasser von allem inkl. der Waschmaschine fließt auf die unterhalb des Plätzchens gelegene Wiese. Das Wasser kommt aus dem Pikes Creek, also dem Fluss, und ist ausdrücklich nicht zum Trinken geeignet. Wenn Australier das sagen, sollte man sich dran halten. Dafür können wir das „gefilterte“ Regenwasser trinken (ein grobmaschiges Netz), das über das Dach und durch die Dachrinnen in einen Tank fließt. Wir lehnen dankend ab.
Das ist im Übrigen ein grundlegendes Problem bei den Gegebenheiten hier, immer Trinkwasser zur Verfügung zu haben. In Ermangelung einer öffentlichen Wasserstation in der Stadt (später werden wir noch eine inoffizielle finden), decken wir uns also mit Flaschen ein. Die Duschen sind erträglich, wenngleich man sie mit ein paar Spinnen, Kankern, Ameisen und sonstigem Getier teilen darf. Das Wasser ist immerhin heiß (Gasdurchlauferhitzer) und lediglich ein bisschen grünlich. Die Waschmaschine (Toploader) arbeitet nur mit kaltem Wasser, liefert aber mit dem richtigen Waschpulver ganz manierliche Ergebnisse. Wir schlafen nachts eigentlich ganz gut, ist es hier inmitten des Nichts doch ziemlich leise, die Geräusche der Natur einmal außen vor gelassen. Die Dinge, die wirklich ein bisschen ungewohnt sind, sind die mitunter sehr kalten Nächte und, und das ist einfach unvorstellbar nervig, die unzähligen Fliegen, die permanent das Gesicht umschwirren, sich in Augen, Mund und Ohren setzen und jeden Quadratdezimeter der Kleidung belagern. Die Mücken hingegen halten sich glücklicher Weise noch in Grenzen.

An den freien Nachmittagen oder auch wenn mal ein ganzer Tag frei ist, fahren wir in die Stadt zum Einkaufen und um Handyempfang zu haben. Die Zeit um uns bleibt ja nicht stehen und wir möchten was unsere Arbeit am Blog betrifft ja auch am Ball bleiben. Dazu haben wir einen netten koreanischen Imbiss gefunden, wo wir Strom haben und auch mal drei/vier Stunden sitzen können. Die Bibliothek bietet mit freiem WiFi dazu auch gute Gelegenheit, freie Plätze sind aber nicht immer verfügbar. Eine Runde durch die Parkanlagen rundet die Tage meistens ab, ehe wir nicht zu spät wieder zurückfahren, um dem tiefen Sonnenstand und den Kängurus zu entgehen. In dieser Region gibt es irgendwie wirklich viele davon. Jeden Morgen auf unserer Fahrt zur Plantage sehen wir sie und abends Hüpfen sie keine hundert Meter vom Haus entfernt entlang und Grasen. Demnächst steht eine Pause beim Pflücken an, wir warten darauf, dass die Pflaumen reif sind. In der Zeit werden wir Brisbane und Fraser Island besuchen. Zumindest der nächste Artikel wird also wieder etwas urbaner.